Trauer in Nord und Süd

Martin McGuinness und Michele O'Neill, Sinn Féin
Martin McGuinness und seine Nachfolgerin
Michele O‘Neill, Foto: Sinn Féin (CC BY 2.0)

In Nordirland verstarb Martin McGuinness von der irisch-republikanischen Partei Sinn Féin. Florian Osuch junge Welt 23.3.2016
Nach kurzer schwerer Krankheit ist am Dienstag Martin McGuinness, langjährige Führungsfigur der irischen Linkspartei Sinn Féin, verstorben. Fast ein halbes Jahrhundert lang prägte er die Politik in Nordirland. McGuinness war zeitweilig Kommandeur der irisch-republikanischen Untergrundarmee IRA und von 2007 bis Januar dieses Jahres stellvertretender Erster Ministerpräsident von Nordirland.

In Dublin, der Hauptstadt der Republik Irland, versammelten sich Trauernde. Sie hielten Kerzen in den Händen und sangen irische Freiheitslieder. Ebenso gedachten Menschen im Norden des Verstorbenen. In der Metropole Belfast fanden Mahnwachen statt, in Derry wehten Fahnen auf Halbmast. Dort zogen mehrere hundert Menschen vom Krankenhaus, in dem McGuinness verstorben war, zu dessen Wohnhaus. Wie in Irland üblich schulterten Angehörige und Freunde seinen Sarg. Unter ihnen waren Gerry Adams, Präsident von Sinn Féin, und Michelle O’Neill, Vorsitzende der Partei in Nordirland. Die Szene erinnerte an Begräbnisse verstorbener IRA-Kämpfer in den 1970er Jahren – damals hatte auch Martin McGuinness die Särge mit getragen.

Für das politische Establishment in England und für die probritischen Bevölkerungsmehrheit in Nordirland war McGuinness viele Jahre lang ein Hassobjekt. Ihm wird vorgeworfen, der konspirativen Führung der IRA angehört und als deren Stabschef zahlreiche tödliche Bombenattentate angeordnet zu haben. Obgleich dafür nie Beweise erbracht wurden, wiederholte die BBC die Anschuldigungen in einem Nachruf. Als Belege führte der Sender ebenfalls nur anonyme Quellen aus Sicherheitskreisen an.

Martin McGuinness wurde am 23. Mai 1950 in Derry geboren. Als Ende der 1960er Jahre die irisch-katholische Bevölkerungsminderheit gleiche Bürgerrechte forderte, zerschlug die Polizei deren Märsche. Am 30. Januar 1972 wurden am »Bloody Sunday« in Derry 14 Demonstranten von britischen Soldaten erschossen. Da war McGuinness gerade 21 Jahre alt und hatte sich kurz zuvor der IRA angeschlossen. Der »Bloody Sunday« gilt als ein Auslöser für die Eskalation im Nordirlandkonflikt. McGuinness wurde in seiner Heimatstadt mit der Zeit zur Nummer zwei der IRA. Er wurde mehrfach festgenommen und inhaftiert.

Ende der 1970er Jahre begann sein Aufstieg bei Sinn Féin, an der Seite von Gerry Adams. Ob er weiterhin der konspirativen IRA-Führung angehörte, ist nicht bewiesen. Er gab an, die Organisation verlassen zu haben. Anfang der 1980er Jahren änderte die republikanische Bewegung ihre Strategie: Neben dem bewaffneten Kampf der IRA konzentrierte sich Sinn Féin fortan auf Wahlen. McGuinness wurde 1982 ins Regionalparlament von Nordirland gewählt, nahm seinen Platz dort aus Protest gegen die fortwährende Diskriminierung der irischen Bevölkerung zunächst aber nicht ein. Ebenso vakant blieb sein Sitz im britischen Unterhaus, den er als Direktkandidat später mehrfach gewann.

Anfang der 1990er Jahre begannen Geheimgespräche zwischen Vertretern der IRA und der britischen Regierung, auch Martin McGuinness nahm an solchen Treffen teil. Es folgten offizielle Friedensgespräche zwischen den Konfliktparteien, McGuinness war Unterhändler für Sinn Féin. 1998 wurde ein umfangreiches Friedensabkommen geschlossen. Die jeweils stärksten Parteien des irischen und des britischen Lagers bilden seither eine Regierung, an der alle Parteien gemäß ihres Stimmenanteils zu beteiligen sind. So wurde McGuinness 1999 Bildungsminister und im Jahr 2007 Vizeregierungschef von Nordirland. Fast zehn Jahre stand er zusammen mit der rechten Democratic Unionist Party (DUP) an der Spitze der Regionalregierung. Am 9. Januar 2017 trat er wegen eines Konflikts mit der Ministerpräsidentin Arlene Foster zurück (siehe jW vom 6. März). Es folgten vorgezogene Neuwahlen und Sinn Féin erzielte ihr bisher bestes Ergebnis.


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