Datenschutz durch Verweigerung

Datenschutz, Broschüre DisconnectDas »Capulcu«-Kollektiv gibt Anleitung zum Widerstand gegen den digitalen Zugriff. Florian Osuch junge Welt 29.12.2016
Wie hältst du es mit der Datensicherheit im Internet? Antworten und Hinweise, wie wir uns im digitalen Zeitalter der totalen Überwachung entziehen können, gibt die Broschüre »Disconnect – keep the future unwritten!«. Es ist die zweite Veröffentlichung, des Capulcu-Kollektivs. Der Name der Gruppe bedeutet im Türkischen so viel wie Wegelagerer oder Nichtsnutz. So diffamierte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan 2013 Protestierende im Istanbuler Gezi-Park. Im ersten Band, der mittlerweile bereits in der dritten überarbeiteten Auflage erschienen ist, stellte das Kollektiv »Tails«, eine Technologie zur sicheren Computernutzung, vor.

»Disconnect!« rückt die Information als wichtigstes Gut der digitalen Gesellschaft ins Zentrum. Informationen seien »zur zukunftsträchtigsten Ware geworden«. Facebook, Amazon, Twitter, Google und Co. haben sich mit ihren Anwendungen und Diensten Verwertungswerkzeuge geschaffen, und die Nutzer machen freiwillig mit. Im Sekundentakt werden Millionen Daten ausgewertet und Bilder davon generiert, was Menschen morgen oder übermorgen kaufen werden. Algorithmen berechnen, was Konsumenten in den nächsten Monaten und Jahren kaufen wollen sollten. Die Autoren malen deshalb ein recht düsteres Bild kommender Zeiten. Man müsse »jetzt aus der Zukunft ausbrechen«, schreiben sie. Ein Gegenangriff auf Praxis und Ideologie der »totalen Erfassung« sei zwingend notwendig.

Ein Umgang mit den Datenkraken und den digitalen Netzwerken ohne negative Auswirkungen ist nach Auffassung der Autoren nicht möglich. Sie plädieren für die Verweigerung: »Was ›praktisch‹ erscheint, abschalten, wegwerfen, zerstören.« Noch sei ein Leben »ohne Google, Facebook und Apple vorstellbar, wenn auch für viele nicht erstrebenswert«.

Jeder müsse selbst aktiv werden: Gegen die »zunehmende Erfassung und den vollständigen digitalen Zugriff« helfe nur die »Selbstverteidigung« gegen die Daten abschöpfenden »privatwirtschaftlichen Organisationen, Internet Service Provider, Mobilfunkanbieter, Mailprovider (…)«. In diesen technischen Belangen helfe der Einsatz von Verschlüsselung, sowohl auf privaten Computern als auch beim Versenden von Mails oder beim Surfen im Internet. Generell raten die Autoren zur Datensparsamkeit, denn einmal ins Netz gestellte persönliche Angaben würden »mit großer Wahrscheinlichkeit nie wieder gelöscht«. Von der Nutzung von Smartphones wird grundsätzlich abgeraten, weil die Geräte in der Regel durchgehend Daten via WLAN, Bluetooth oder GPS senden. Als kritisch werden auch Onlinebanking oder Kreditkarten angesehen. Dagegen müsse »Bargeld als kaum kontrollierbares Mittel« verteidigt werden.

Das Problematische an den Vorschlägen des Kollektivs: Anwenderprogramme der Datensicherheit sind nach wie vor oft schwer zu bedienen. Einige Tips im vorliegenden Heft zum Aufbau eines persönlichen Schutzschilds gehen an der Lebensrealität der allermeisten Internetnutzer weit vorbei. Wer wird sich schon zu Hause oder mit Kollegen einen eigenen sicheren Server installieren? Ebenso verhält es sich leider noch immer mit alternativer Software oder Betriebssystemen wie Linux. Während man Facebook, Twitter und Co. ohne Anleitung und ohne jede Informatikkenntnisse nutzen kann, ist beispielsweise Software zur Verschlüsselung oft noch recht kompliziert. Das ist den Autoren durchaus bewusst. Was die Bequemlichkeit angeht, wollen sie den »quasi zum Selbstzweck gewordenen Maximen ›Komfort‹ und ›Geschwindigkeit‹« ohnehin nicht nacheifern. Beides sei Teil der Sogwirkung jenes Anziehungspunktes vollständiger und »freiwilliger« Datenpreisgabe. Die Tips des Capulcu-Kollektivs lassen sich mit zwei Schlagworten zusammenfassen: Entschleunigung und Verweigerung.

Disconnect! Hefte zur Förderung des Widerstands gegen den digitalen Zugriff. Band II, 60 Seiten, kostenloser Download als PDF unter: https://capulcu.blackblogs.org


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