Häftling 64401

Adolf Burger, Falschgeldwerkstatt im KZ Sachsenhausen, Operation BernhardMit Adolf Burger starb der vermutlich letzte Teilnehmer der Falschgeldaktion »Operation Bernhard« aus dem KZ Sachsenhausen. Florian Osuch junge Welt 28.12.2016
Anfang Dezember ist der Holocaustüberlebende Adolf Burger gestorben. Der Slowake hatte die Leiden von sieben Konzentrationslagern überstanden und war am Falschgeldkommando im KZ Sachsenhausen beteiligt gewesen. Bis ins hohe Alter berichtete er als Zeitzeuge vor Schulklassen, auch in Deutschland. Sein autobiographisches Buch »Des Teufels Werkstatt« diente als Vorlage für den Film »Die Fälscher«, der im Jahr 2008 einen Oscar als bester fremdsprachiger Film gewann.

Adolf Burger wurde 1917 in Veľká Lomnica (Slowakei) in einer jüdischen Familie geboren. Nach einer Lehre als Drucker arbeitete er in Bratislava und gehörte zu einer kleinen kommunistischen Widerstandsgruppe. Burger nutzte seinen Beruf, um Taufscheine und andere Dokumente zu fälschen, womit er Juden das Leben rettete.

Im Zuge von Massenverhaftungen wurde Burger im August 1942 von der slowakischen Hlinka-Garde verhaftet, ebenso seine Frau. Beide wurden ins KZ Žilina in der Nordslowakei gebracht, dort trennten sich ihre Wege. Burger ging per Transport ins Stammlager Auschwitz und wurde mit der Häftlingsnummer 64401 registriert, seine Frau brachte man ins Lager Birkenau.

Er wurde unter anderem zur Zwangsarbeit im sogenannten Aufräumkommando eingeteilt. Dort musste er Koffer und sonstige Habseligkeiten der aus ganz Europa nach Auschwitz verschleppten Männer, Frauen und Kinder nach Verwertbarem durchsuchen. Täglich seien ihm Fotos, Dokumente und persönliche Gegenstände von tausenden Personen durch die Hände gegangen. Um Kontakt zu seiner Frau aufnehmen zu können, meldete er sich freiwillig für das Aufräumkommando in Birkenau. Er musste jedoch erfahren, dass seine Frau zunächst als Leichenträgerin eingeteilt, dann aber aufgrund ihrer Schwäche von einem SS-Arzt in die Gaskammer geschickt worden war.

Im Frühjahr 1944 wurden Adolf Burger und acht andere Häftlinge mit dem Zug von Birkenau nach Oranienburg, ins KZ Sachsenhausen, geschickt. Dort befand sich, seit 1942 in zwei vom übrigen Lager hermetisch abgetrennten Baracken, eine moderne Druckerei. Die Aktion war so geheim, dass selbst der Lagerführer Anton Kaindl nicht wusste, was dort vor sich ging. Die »Operation Bernhard« – benannt nach dem zuständigen SS-Offizier Bernhard Krüger – unterstand direkt dem Reichssicherheitshauptamt in Berlin und war organisatorisch dem Sicherheitsdienst (SD) zugeordnet.

So war Burger unfreiwillig wieder als Drucker tätig. Die 144 Männer des Geheimkommandos – allesamt Juden – mussten hauptsächlich britische Pfund drucken. Diese Währung war in dieser Zeit vergleichsweise einfach zu fälschen, weil die Scheine noch einseitig bedruckt waren. Tag und Nacht liefen die Maschinen. Mit dem Geld versorgte die SS ihre weltweit tätigen Agenten. Allerdings gingen nur die allerbesten Scheine an den Sicherheitsdienst. Der größte Teil sollte per Flugzeug über England abgeworfen werden, um die britische Wirtschaft zu Fall bringen. Doch das wurde nie realisiert. In den Baracken 18 und 19 wurden darüber hinaus Blankoausweise, Tauf- und Heiratsurkunden aus allen Ländern hergestellt, sowie Briefköpfe von Behörden aus Nachbarländern, Propagandabriefmarken und auch Spionageanleitungen der SS.

Verglichen mit den Inhaftierten der Lager Auschwitz und Birkenau genoss Adolf Burger in Sachsenhausen erhebliche Vergünstigungen. Es gab keine quälenden Zählappelle oder Prügelstrafen. Die Männer bekamen pro Person ein Bett und einen Spind zugeteilt, ihnen wurden nicht die Haare geschoren und es gab mehr Verpflegung. Allerdings war allen Beteiligten klar, dass sie dieses Geheimkommando nicht lebend verlassen sollten. Erkrankte Häftlinge wurden wegen der Gefahr, die anderen Spezialisten anzustecken, sofort liquidiert, sieben Männer wurden so erschossen.

Als Ende 1944 der Befehl zur Herstellung von US-Dollars kam, spitzte sich die Lage der Häftlinge zu. Je spezieller die Aufträge wurden, desto größer die Hoffnung, am Leben zu bleiben. Ihnen war auch bewusst, wie wichtig ihre Tätigkeit für die Nazis war. Burger und einige Eingeweihte beschlossen, die Produktion der Dollars durch Sabotage zu verzögern. Auch zuvor gab es stillen Widerstand durch Maschinenblockade, absichtliche Fehlarbeiten und das Ordern überflüssiger Ersatzteile, deren Beschaffung lange dauerte. Die Sabotage bei der Dollar-Produktion fiel nicht auf, da niemand die seltene Technik des Lichtdrucks komplett beherrschte. Die SS drohte dennoch mit Liquidierung einzelner Häftlinge, um die Arbeiten zu beschleunigen – und wenig später spuckten die Druckmaschinen täuschend echte US-Dollar aus.

Im Frühjahr 1945 wurde die Falschgeldwerkstatt demontiert. Per Zug ging es für den Tross, bestehend aus Häftlingen, Maschinen und Material zunächst ins KZ Mauthausen in Österreich, dann weiter ins KZ Redl-Zipf, ein Außenlager von Mauthausen. Nur kurz wurden dort die Druckmaschinen wieder aufgebaut, bis zur vollständigen Demontage. Die SS befahl, sie unbrauchbar zu machen, Druckpapier und Pfundnoten zu verbrennen, Werkzeuge und Druckplatten im schwer zugänglichen Toplitzsee im Salzkammergut in den Alpen zu versenken. Die Häftlinge wurden ins KZ Ebensee überstellt und sollten dort erschossen werden. Doch als Adolf Burger mit seinen Männern dort eintraf, hatten bereits Häftlinge die Kontrolle über das Lager übernommen.

Nach der Befreiung ging Burger zurück in die Tschechoslowakei und erfuhr, dass seine Mutter im KZ Ravensbrück und sein Stiefvater im KZ Sachsenhausen gestorben waren. Er veröffentlichte seine Erinnerungen bereits 1945 im Buch »Häftling 64401 spricht«. Als Burger Jahre später das Erstarken des Neonazismus miterlebte, nahm er sich seiner Geschichte und der damaligen Falschgeldaktion der SS erneut an, trat vielfach als Zeitzeuge auf. Burger war Vizepräsident im Internationalen Sachsenhausen-Komitee und engagierte sich im Auschwitz-Komitee. Er starb am 6. Dezember 2016, im Alter von 99 Jahren, in Prag.

Florian Osuch: »Blüten« aus dem KZ. Die Falschgeldaktion »Operation Bernhard« im Konzentrationslager Sachsenhausen, VSA Verlag, 2009


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