»Die Gesundheit der Türkei ist auf allen Ebenen angeschlagen«

Rezension: Der Kurdistan ReportRezension: Der Kurdistan Report. Florian Osuch, junge Welt, 26.9.2016
Im Kurdistan-Report geht es um die Situation in der Türkei nach dem Putschversuch vom 15./16. Juli 2016. Im Zentrum stehen weniger tagespolitische Ereignisse als vielmehr Analysen zur Lage in der gesamten Region. In einem Interview mit Cemil Bayik, dem Kovorsitzenden der Union der Gemeinschaften Kurdistans (KCK), geht es sowohl um die Hintergründe des Putsches als auch um dessen mögliche Auswirkungen auf Kurdistan. Die KCK ist ein Zusammenschluss, der den Aufbau kurdischer Selbstverwaltungsstrukturen unterstützt. Der gescheiterte Staatsstreich stelle einen Wendepunkt in der Geschichte der Türkei dar, so Bayik.

Statt ihn zum Anlass für ernsthafte Demokratisierungsschritte zu nehmen, wird er instrumentalisiert, um jede Art der Opposition gegen das AKP-Regime zum Schweigen zu bringen. Die AKP habe die Atmosphäre nach dem versuchten Putsch dazu genutzt, ihr autoritäres System auszubauen. »Es sieht nicht danach aus, dass die AKP, die vorher die Türkei polarisiert und gespalten hat, durch den Putsch zur Besinnung gekommen ist«, so Bayik. Bei der Niederschlagung des Aufstands habe die AKP Nationalismus und religiösen Fanatismus gleichzeitig geschürt. In der Gesellschaft floriere eine Haltung, die kurdenfeindlich und überhaupt ablehnend gegenüber anderen ethnischen und religiösen Identitäten sei. Bislang habe vor allem die faschistische Partei MHP eine solche Entwicklung zu befördern versucht, jedoch ohne größeren Erfolg. Hinsichtlich der sozialdemokratischen Oppositionspartei CHP hält Bayik fest, sie könne bald ebenso wie die kurdischen Organisationen ins Visier Erdogans geraten. »Sobald sich die AKP gefangen hat, wird sie sich auch gegen die CHP wenden, um ihre Arbeit einzuschränken.« Mit ihren nationalistisch-chauvinistischen Praktiken und ihrer kurdenfeindlichen Politik versuche die AKP darüber hinaus die faschistische MHP überflüssig zu machen. »Die Gesundheit der Türkei ist auf allen Ebenen angeschlagen«, konstatiert Bayik.
Der Journalist Devris Cimen stellt den Umsturzversuch in der Türkei in Zusammenhang mit der Entwicklung im gesamten Nahen und Mittleren Osten. Die Türkei scheint am Missachten und Nichtgewähren elementarer Grundrechte für die kurdische Bevölkerung geradezu wie an einem Prinzip ihrer Politik festzuhalten. Aus Sicht Ankaras dürften auch andere Staaten ihrer kurdischen Bevölkerung keine Rechte gewähren, weder Irak noch auch Syrien. Obgleich die Türkei partnerschaftliche Beziehungen zur kurdischen Autonomieregierung im Irak pflege und sich ein reger Handel mit Öl und Gas entwickelt habe, stehe Ankara der dortigen Selbstverwaltung skeptisch gegenüber. Eine Entwicklung wie im Nordirak dürfe sich in Nordsyrien keinesfalls wiederholen. Der Einmarsch türkischer Truppen in Nordsyrien erfolgte erst nach Redaktionsschluss des vorliegenden Heftes.
Neben weiteren Beiträgen zum Putsch und den Folgen befasst sich Ulla Jelpke mit der Geheimdienstzusammenarbeit zwischen Berlin und Ankara, auch gibt es Artikel zur Lage syrischer Flüchtlinge in der Türkei.
Kurdistan-Report 187, September/Oktober 2016, drei Euro, 68 Seiten, Bezug: Kurdistan-Report, c/o ISKU, Spaldingstr. 130–136, 20097 Hamburg, Info: www.kurdistan-report.de


0 Antworten auf “»Die Gesundheit der Türkei ist auf allen Ebenen angeschlagen«”


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


zwei × drei =