Als die Volksfront siegte

Frente Popular, Spanien 1936Vor 80 Jahren gründete sich in Spanien die Frente Popular. Die Wahlen im Monat darauf gewann sie. Vorausgegangen waren Streiks und Aufstände. Florian Osuch, junge Welt, 16.01.2016
Am 15. Januar 1936 schlossen sich in Spanien Sozialisten und Kommunisten mit bürgerlichen, republikanischen Parteien, unterstützt von der katalanischen Linken, zusammen. Der Frente Popular, so der spanische Begriff für Volksfront, hatte die Rettung der Zweiten Spanischen Republik gegen die aufstrebenden Faschisten zum Ziel. Und tatsächlich: Bei den Wahlen, die im Februar stattfanden, gewann das Bündnis eine Mehrheit im Parlament. In der Folge entfesselten die Faschisten den Bürgerkrieg – mit dem bekannten Ausgang. Was aber ging der Bildung und dem Aufstieg des Frente Popular voraus?

Wie in ganz Europa entstanden auch in Spanien um die Jahrhundertwende Organisationen der Arbeiterklasse. Die sozialistische Partei PSOE war 1879 gegründet worden, damals noch unter dem Namen Partido Socialista del Trabajo, also Sozialistische Arbeitspartei. 1888 wurde der Gewerkschaftsverband UGT, 1910 die anarchistische Arbeiterkonferenz CNT ins Leben gerufen. Einige wollten an die Erste Spanische Republik (1873–1874) anknüpfen. Es kam zu Streiks und Aufständen. Nachdem viele Marxisten den PSOE verlassen hatten, konstituierte sich 1921 die Kommunistische Partei Spaniens (PCE). Doch König Alfons XIII. saß fest auf seinem Thron, er stützte sich vor allem auf das Militär, die Großgrundbesitzer und die katholische Kirche. Im September 1923 putschte sich General Miguel Primo de Rivera (1870–1930) an die Macht und errichtete für mehr als sechs Jahre eine Militärdiktatur.

Nach deren Kollaps wurden Gemeindewahlen abgehalten. Anfang 1931 gewannen republikanische Kräfte 41 von 50 Provinzhauptstädten. Niceto Alcalá Zamora (1877–1949) rief am 14. April die Zweite Spanische Republik aus, und in Barcelona proklamierte Francesc Macià (1859–1933) die Katalanische Republik. Die Diktatur war gestürzt, der König verließ das Land. Bei konstituierenden Wahlen wurde der PSOE stärkste Kraft, gefolgt von Liberalen und Linksrepublikanern. Sie bildeten eine Koalition, an deren Spitze der Schriftsteller Manuel Azaña (1880–1940) stand. Spanien erhielt eine demokratische Verfassung, die u. a. das Frauenwahlrecht und Religionsfreiheit vorsah. Katalonien, Galicien und dem Baskenland wurden Autonomierechte in Aussicht gestellt. Eine notwendige Agrarreform wurde hingegen verschleppt. Die Macht der Kirchen und des Militärs blieb weitgehend unangetastet. Verbesserungen für die Arbeiter gab es keine, und so traten sie erneut in den Ausstand. Die Regierung ging hart gegen die Proteste vor. Derweil hatten die alten Eliten den Sturz des Königs verarbeitet. José Antonio Primo de Rivera (1903–1936), Sohn des verstorbenen Diktators, gründete im Oktober 1933 die faschistische Partei Falange. In der Rechtskoalition CEDA vereinigten sich Monarchisten, Nationalisten und Katholiken.

Im selben Monat kam es zum Ausscheiden der Sozialisten aus der Regierung. Neuwahlen wurden ausgerufen. Viele linke und republikanischer Wähler wandten sich enttäuscht von ihren Parteien ab. Sie überließen einer erstarkten Rechten weitgehend das Feld. Entsprechend war das Ergebnis: 5,8 Millionen Stimmen für die klerikal-faschistische CEDA und andere Rechte standen 3,2 Millionen Stimmen für linke und republikanische Parteien gegenüber – wobei hier allerdings gilt: Es existieren durchaus widersprüchliche Zahlen zu den Wahlen. Die grobe Richtung, der Sieg der CEDA, ist jedoch unbestritten. Für den PCE zog mit Cayetano Bolívar (1897–1939) erstmals ein Kommunist in das spanische Parlament ein. Nun bildeten die Rechten unter Führung der CEDA eine Regierung. Enttäuscht setzten sich viele Sozialisten fortan für eine gewaltsame Machtübernahme ein.

1934 brachen Kämpfe aus. In Katalonien rief am 6. Oktober Lluís Companys (1882–1940), Chef der linksrepublikanischen ERC und Präsident der Regionalregierung, einen eigenen Staat innerhalb eines föderalen Spaniens aus. Die von oben dirigierte Sezession konnte ohne größere Gefechte beendet werden. Companys und seine Gefolgschaft wurden verhaftet und zu jeweils 30 Jahren Haft verurteilt. Bei einem Aufstand von unten hatten sich zeitgleich im nordspanischen Asturien die proletarischen Massen bewaffnet. In revolutionärer Einheit überwanden Sozialisten, Anarchisten und Kommunisten ihre Streitigkeiten. 8.000 Bergleute besetzten die Provinzhauptstadt Oviedo. Die Regierung ließ einen gewissen Francisco Franco die Revolte niederschlagen, 2.000 Arbeiter wurden getötet, 40.000 Personen verhaftet.

Von den Rachefeldzüge des Regimes waren alle Formationen der Linken betroffen. Gemeinsam setzte man sich für die Freilassung der Inhaftierten ein. Einem Nationalen Hilfskomitee zur Freilassung von Gefangenen gehörten PSOE, PCE und kleinbürgerliche Sozialisten an. Der antifaschistische Volksblock griff auch die alten Forderungen der Zweiten Republik wieder auf. Der PCE wurde inzwischen von José Díaz (1895–1942) geführt. Für die Kommunistin Dolores Ibárruri (1895–1989) war der Faschismus in Spanien »zu einer unmittelbaren bevorstehenden Drohung geworden«, wie sie in ihren Erinnerungen schrieb. PCE-Generalsekretär Díaz rief zur Einheit aller Antifaschisten auf. Auch bürgerliche Republikaner traten dem Bündnis mit den Kommunisten bei. Die rechte Regierung geriet wegen eines Korruptionsskandals ins Wanken, für Februar 1936 wurden Neuwahlen angesetzt. Es folgte der Zusammenschluss der Linken zur Volksfront.

Bei den Wahlen am 16. Februar konnte der Frente Popular einen historischen Sieg erringen. Begünstigt durch das Mehrheitswahlrecht, kam die Volksfront auf 263 der 473 Sitze im Parlament, rechte Parteien erhielten 132 Mandate, 32 Sitze gingen an das sogenannte Zentrum. Stärkste Fraktion wurde der PSOE (99 Mandate), gefolgt von CEDA (88), den Linksrepublikanern (87), der Republikanischen Union (37) und der katalanischen ERC (21). Unter den 17 Abgeordneten des PCE waren José Díaz und Dolores Ibárruri. Gemäß dem Abkommen bildeten nur die republikanischen Parteien eine Regierung – ohne Sozialisten und Kommunisten. Ministerpräsident wurde zum zweiten Mal Manuel Azaña. Die Regierung ging eine Bodenreform und die Entmachtung der Kirchen an. Vielerorts wartete das Volk nicht auf entsprechende Gesetze. Ländereien wurden besetzt und Klöster in Brand gesetzt. Noch bevor ein Dekret für die Freilassung von politischen Gefangenen unterzeichnet worden war, hatten Arbeiter bereits Gefängnisse gestürmt.

Die Erfolge der Volksfront waren erheblich. Doch am 17. Juli 1936 putschten Militärs unter der Führung von Francisco Franco. Unterstützt von den faschistischen Regimen in Deutschland, Italien und Portugal, führten sie Spanien in den Bürgerkrieg. Auch die Bildung der Internationalen Brigaden konnte sie nicht aufhalten. Am 1. April 1939 erklärte Franco den Sieg über die Zweite Spanische Republik.

Quellentext: Frente Popular in den Erinnerungen von Dolores Ibárruri

Auf dem VII. Kominternkongress wurde unsere Einigungspolitik ebenso in vollem Umfang gebilligt wie die Bemühungen der Kommunistischen Partei Frankreichs um die Verwirklichung der Volksfront; dieses Vorgehen unserer Parteien wurde allen kommunistischen Parteien als Beispiel hingestellt. Während einer Kundgebung, die in Madrid am 2. Juni 1935, kurz vor dem VII. Kongreß der Komintern, stattfand, rief José Díaz (Ibárruris Vorgänger als Generalsekretär der PCE, Anm. d. Red.) im Namen der Kommunistischen Partei mit klaren Worten und konkreten Vorschlägen zum Zusammenschluss der antifaschistischen Kräfte auf.

Die Kommunistische Partei verzichtete nicht auf ihre Forderungen. Aber sie passte ihre Taktik – und das ist das Revolutionäre – der konkreten Situation in unserem Lande an.

»Wir«, sagte José Díaz, »kämpfen für unser Maximalprogramm, für die Errichtung der Diktatur des Proletariats, und werden immer dafür kämpfen. (…) In diesen Augenblicken der Gefahr, da der Faschismus in Besitz der Schlüsselpositionen des Staatsapparates ist, erklären wir uns bereit, vereint mit allen antifaschistischen Kräften auf der Grundlage eines Minimalprogramms zu kämpfen, das verbindlich für alle sein soll, die sich an dem Volksblock, zu dessen Bildung wir aufrufen, beteiligen wollen. (…)

Wir schlagen vor, eine provisorische Revolutionäre Regierung zu bilden, die die Forderung der Arbeiter, der Volksmassen, aller Antifaschisten befriedigt, die sich vor dem ganzen Volk verpflichtet, das vom antifaschistischen Volksblock gebildete Programm zu realisieren.«

Dolores Ibárruri: Der einzige Weg. Erinnerungen. Dietz Verlag, Berlin 1964, S. 237–238