Bombenabwurf an der Müritz

Gedenken im ehemaligen KZ Ravensbrück
Monument im KZ Ravensbrück
flickr/Jeremy Keith (CC BY 2.0)

Historische Kriegsvorbereitungen: Die Erprobungsstelle Rechlin und das vergessene KZ Retzow. Florian Osuch junge Welt 2.9.2015
Die Mecklenburgische Seenplatte ist wegen ihrer mehr als eintausend Seen überregional bekannt. Nahe Rechlin an der Müritz im Süden Mecklenburg-Vorpommerns findet auf einem Teil des Flugplatzes Lärz jeden Sommer das Musikfestival »Fusion« statt. Weitgehend vergessen ist, dass sich in diesem Gebiet während des Faschismus die zentrale Erprobungsstelle für Kriegsflugzeuge befand. Dort wurden Kampfflugzeuge, deren Ausrüstung und Waffen getestet. Man unterhielt mit dem KZ Retzow ein eigenes Lager, dessen Häftlinge Zwangsarbeit auch auf dem Flugplatz Lärz verrichteten.

Dem Deutschen Reich war es nach dem Ersten Weltkrieg untersagt, Motorfliegerei zu betreiben. Deutsche Flugzeugkonzerne wanderten ins Ausland ab. Dornier produzierte in der Schweiz, Fokker in den Niederlanden und Heinkel in Schweden. Ab Mitte der 1920er Jahre durfte Deutschland wieder Flugzeuge bauen. Binnen kurzer Zeit entwickelte sich die Erprobungsstelle Rechlin zum Testzentrum für deutsche Militärflugzeuge.

Kurz nach der Machtübertragung wurden 40 Millionen Reichsmark für die Luftrüstung bereitgestellt. Wenige Wochen später besichtigten führende Nazis den Standort Rechlin, darunter Reichsluftfahrtminister Hermann Göring, Kriegsminister Werner von Blomberg und Erhard Milch, Staatssekretär für Luftfahrt. Deutsche Firmen wie Messerschmitt, Dornier, BMW, Heinkel und Siemens entwickelten immer neue Flugzeuge. In Rechlin kam man mit der Prüfung nicht mehr nach.

Die östliche Seite der Müritz wurde zum militärischen Sperrgebiet erklärt. Jagdflugzeuge probten mit scharfen Bomben. Getestet wurden auch Antrieb, Turbinen, Fahrwerk, Rettungsfallschirme und Höhenmesser. 1939 umfasste die Liegenschaft knapp 6.150 Hektar und es arbeiteten dort bis zu 4.000 Militär- und Zivilangehörige. Am 3. Juli 1939 besuchte Hitler den Standort – in Begleitung von Rudolf Hess, Göring, Martin Bormann und ranghohen Militärs. Keine zwei Monate später überfiel die Wehrmacht Polen.

Das Testgelände wurde stetig erweitert, die Arbeitskräfte aus der Region reichten nicht mehr aus. Im Herbst 1939 wurde mit dem Bau von zwölf Baracken begonnen. Sie boten Platz für 1.200 Personen. Das Gelände befand sich in Rechlin im Ortsteil Retzow direkt an der Bundesstraße 198 nur etwa 200 Meter vom Flugplatz Lärz entfernt. Zunächst waren dort Angehörige des Reichsarbeitsdienstes (RAD) untergebracht, später kamen Arbeitskräfte aus dem verbündeten Italien dazu. Im Winter 1942/43 wurden vier Baracken mit elektrisch geladenem Stacheldraht eingezäunt. SS-Mannschaften kamen. Das KZ Retzow entstand als Außenlager des rund 40 Kilometer entfernten KZ Ravensbrück. Nach etwa einem Jahr wurden die Männer verlegt. Im Juli 1944 kamen weibliche Häftlinge aus dem Stammlager.

Die Frauen im KZ Retzow mussten Bombenschäden beseitigen und wie die Männer Erweiterungsarbeiten auf dem Flugplatz Lärz verrichten. Die Zahl der Häftlinge stieg zeitweise auf 3.000 Personen, die hygienischen Zustände waren katastrophal, im Herbst 1944 brach Typhus aus. Frauen starben an Erschöpfung, Hunger oder Krankheit. Die Mehrzahl der Toten wurde zur Verbrennung nach Ravensbrück gebracht, einige hundert wurden auch vor Ort vergraben, in Massengräbern oder Schützengräben neben dem Lager. Sogenannte lebensunfähige Frauen wurden zur Ermordung ins Hauptlager verbracht.

Im Winter 1944/45 verschlimmerte sich die Lage weiter. Frauen, die im Vernichtungslager Auschwitz vergast werden sollten und wegen des Vordringens der Roten Armee von dort weggebracht wurden, konnten im KZ Ravensbrück nicht mehr untergebracht werden. Sie wurden zum Teil nach Rechlin weitergeleitet, unter ihnen auch Mädchen und Kinder. Nach Angaben von Retzow-Überlebenden waren die Baracken mit bis zu 800 Frauen belegt. Auszüge aus den Erinnerungen einiger Frauen sind in einem Buch über das KZ Retzow dokumentiert, das der Bund der Antifaschisten Waren-Röbel herausgegeben hat.

Kurz vor der Befreiung wurden fast alle KZ-Insassinnen ins Stammlager Ravensbrück verbracht und von dort auf Todesmärschen Richtung Ostsee getrieben. Im Lager Retzow verblieben 127 Personen. Nur 71 erlebten die Befreiung durch die Rote Armee am Morgen des 2. Mai 1945.

Bund der Antifaschisten Waren-Röbel (Hg): Aus der Geschichte der Erprobungsstelle Rechlin und des Nebenlagers des KZ-Ravensbrück in Retzow/Rechlin, 174 Seiten, Juli 2015