Rezension: Antifa hieß Angriff

Buch Unrast Verlag Antifa heißt AngriffSie fackelten Autos ab und überfielen Neonazis: Ehemals militante Antifaschisten aus der BRD der 1980er Jahre berichten. Florian Osuch, junge Welt, 12.8.2015
Seit etwa zwei Jahren befindet sich die antifaschistische Bewegung in Deutschland in einer Krise. Bedeutsame Gruppierungen haben sich aufgelöst, bundesweite Großmobilisierungen liegen bereits länger zurück. Gleichzeitig wird über die Zukunft antifaschistischer Politik und über Strategien gegen Pegida, AfD oder NPD debattiert. Es erscheinen Bücher über die Bewegung oder die Geschichte der Antifaschistischen Aktion. Der Unrast-Verlag hat jetzt ein Buch herausgebracht, das sich mit dem militanten Antifaschismus der 1980er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland beschäftigt.

Mit »Antifa heißt Angriff« wird eine Lücke in der Literatur über die linken Bewegungen der alten Bundesrepublik geschlossen. Bisher haben sich Autoren und Zeitzeugen vor allem mit der Studierendenbewegung und der außerparlamentarischen Opposition, kommunistischen Zirkeln, bewaffneten Gruppen wie der RAF oder der »Bewegung 2. Juni« befasst oder haben über die Hausbesetzer-, Frauen-, Eine-Welt- und Umweltbewegung geschrieben. Bislang fehlten Berichte über Antifazusammenschlüsse, die etwa zwischen 1980 und 1990 militant gegen alte und neue Nazis vorgingen, Infrastruktur der Faschisten attackierten und die Öffentlichkeit über die Machenschaften von Revanchisten, DVU, NPD und Republikanern informierten. Die Aktiven agierten zumeist höchst konspirativ, vor allem aufgrund befürchteter staatlicher Repression. Auch der Autor von »Antifa heißt Angriff« und die darin zu Wort kommenden Mitstreiter verbergen sich hinter Pseudonymen. Eine Ausnahme ist Bernd Langer, viele Jahre Sprecher der Autonomen Antifa M aus Göttingen und heute als Autor und Vortragender unterwegs.

Die Entstehung militanter Antifagruppen ist unmittelbar mit der Geschichte der autonomen Bewegung in Westdeutschland seit Ende der 1970er Jahre verbunden. Allerdings waren die militanten Antifaschisten wegen ihres »hohen Organisationsgrades (…) unbedingt von den Autonomen abzugrenzen«, so der Autor Horst Schöpper, der in den 1980er Jahren selbst Teil der beschriebenen Netzwerke war. Für sie war Militanz gegen Sachen und Personen alltägliches und legitimes Mittel der Auseinandersetzung. Darin unterschieden sie sich von anderen Nazigegnern jener Zeit, wie der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), der DKP, dem Kommunistischen Bund (KB) oder auch von engagierten Mitgliedern der SPD und von Gewerkschaften.

Vor dem Hintergrund zunehmender neonazistischer Gewalt in Westdeutschland zwischen 1979 und 1981 konzentrierte sich ein Teil der autonomen Bewegung auf den Kampf gegen Alt- und Neonazis. Bei zwei Anschlägen hatte der Rechtsterrorist Peter Naumann im Januar 1979 Sendemasten des Südwestrundfunks nahe Koblenz sowie des WDR im Münsterland gesprengt. Er wollte damit die Ausstrahlung der vierteiligen Serie »Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss« verhindern, bis zu 400.000 Haushalte waren davon betroffen. Bei einem Brandanschlag auf ein Ausländerwohnheim in Hamburg starben im August 1980 zwei Vietnamesen. Im gleichen Monat tötete eine von Neonazis plazierte Bombe im Bahnhof von Bologna (Italien) 85 Menschen. Beim Anschlag auf das Oktoberfest in München im September 1980 starben 13 Menschen, darunter auch der mutmaßliche Attentäter, 211 Menschen wurden verletzt. 1981 fand die Polizei in der Lüneburger Heide 33 Erddepots mit Waffen und Sprengstoff, die der Neonazi Heinz Lembke angelegt hatte.

Etwa ab 1983 hatten sich autonome Gruppen zu antifaschistischen Netzwerken in Nord- und Süddeutschland zusammengeschlossen. Sie tauschten Informationen über Hintermänner und Infrastruktur der Rechten aus. In Kleingruppen attackierten sie Treffpunkte von Neonazis und setzten Fahrzeuge oder auch Immobilien in Brand. Die Aktiven waren nicht zimperlich: Um an Informationen zu gelangen, wurden Neonazis überfallen, bedroht oder beraubt und teils erheblich verletzt. Parallel arbeiteten sie an der Etablierung örtlicher Bündnisse mit Nazigegnern anderer Spektren, wie der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), den Gewerkschaften sowie Grünen und SPD.

Für das 260seitige Buch hat der Autor mehrere Jahre in Archiven recherchiert. Kern von »Antifa heißt Angriff« bilden sechs Interviews mit ehemaligen Aktiven. Fünf Männer und eine Frau, einige davon mittlerweile pensioniert, geben ein lebendiges Bild der militanten Bewegung, über Debatten um Patriarchat und Gewalt, ideologische Differenzen oder das teils komplizierte Verhältnis zu den zumeist unorganisierten Autonomen. Ihre Aussagen und Berichte sowie die Ausführungen des Autors machen das Buch zu einer lesenswerten Lektüre über einen bislang wenig beachteten Teil der Geschichte der antifaschistischen Bewegung.

Schöppner, Horst (Hg.): Antifa heißt Angriff. Militanter Antifaschismus der 80er Jahre. Reihe antifaschistischer Texte Band 25, Unrast-Verlag, Hamburg/Münster 2015, 264 Seiten, 16 Euro