Posten, Bomben, Esoterik

Antifa Infoblatt Rezension Ausgabe 107Antifa Infoblatt über AfD-Parteiarbeit, »politische Soldaten« und »Germanische Neue Medizin«. Florian Osuch, junge Welt, 8.7.2015
Die Sommerausgabe des Antifa Infoblatts befasst sich schwerpunktmässig mit der »Alternative für Deutschland«, die nach der Entmachtung ihres bisherigen Chefs Bernd Lucke ins rechtsextreme Lager abzudriften droht. Der Versuch, sie als gemäßigte Rechtspartei zu etablieren, scheint vorerst gescheitert. Obwohl das Heft schon vor der Entscheidung für Frauke Petry als neue Parteichefin gedruckt war, sind die Hintergrundartikel zur Arbeit der Partei in Landtagen und kommunalen Gremien oder zum Antifeminismus der AfD nach wie vor aktuell.

Ein Beitrag über Konzepte militanter Neonazis in Europa und den USA zeigt erneut die Verbindungen zwischen den Netzwerken »Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU) und »Blood & Honour« (Blut und Ehre) mit dem bewaffneten Arm »Combat 18« auf. Kontakte des Thüringer NSU-Umfelds zu militanten Neonazis in Sachsen und Baden-Württemberg sind belegt – das Antifa Infoblatt ruft zudem Anschlagsserien mit Briefbomben und andere Attacken von Neonazis Mitte und Ende der 1990er Jahre in England, Dänemark und Schweden ins Gedächtnis. Zur selben Zeit kursierten auch bei Neofaschisten in der BRD Anleitungen zum Bombenbau und zum »führerlosen Widerstand«. Getrennt agierende Zellen sollten Anschläge gegen Migranten sowie gegen linke, jüdische und staatliche Einrichtungen verüben. Ohne hierarchische Strukturen seien solche Zellen vor Repressionen besser geschützt als parteiförmige Organisationen, hieß es. Das Fazit der Infoblatt-Autoren: »Auch wenn der NSU nicht das Label ›Combat 18‹ für sich nutzte, war der NSU Bestandteil eines Netzes von Neonazis, die eines verband: Das Selbstbild des ›politischen Soldaten‹, die sich in der Pflicht sahen, den ›nationalen Kampf‹ auch militant bis terroristisch zu führen.«

Ein weiterer Beitrag befasst sich mit dem ungeklärten Tod des Florian H., dem ehemaligen Neonazi aus Baden-Württemberg, der angegeben hatte, die Mörder der Polizistin Michèle Kiesewetter zu kennen. Der junge Mann hatte sich offenbar von der rechten Szene gelöst, fühlte sich durch seine ehemaligen Kameraden bedroht und stand im Kontakt mit einem Aussteigerprogramm für Neonazis. Im September 2013 verbrannte er in seinem PKW – an dem Tag, an dem er beim Landeskriminalamt eine Aussage machen wollte. Bald darauf gingen die Behörden offiziell von Selbstmord aus. Im März 2015 wurde das Todesermittlungsverfahren wieder aufgenommen.

Außerdem findet sich in dem Heft ein Interview mit dem Krimiautoren Wolfgang Schorlau, dessen Roman »Die schützende Hand« sich mit dem NSU-Komplex befasst. Eine Reportage nimmt die »Germanische Neue Medizin« ins Visier, deren Erfinder Ryke Geerd Hamer dem Magazin Panorama erklärt hat: »Wir Nichtjuden werden gezwungen, weiterhin die jüdische Schulmedizin zu praktizieren.« Der Bericht erwähnt den Tod eines Kindes, dem ebendiese vorenthalten wurde.

Antifa Infoblatt, Nr. 107, Sommer 2015, 3,50 Euro, 60 Seiten, Bezug: Antifa Infoblatt, Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin, www.antifainfoblatt.de