»Thor Steinar« in Fernost

Thor Steinar: Vom Kleinunternehmen aus Brandenburg zum internationalen Firmennetz
Ehemaliger Thor-Steinar-Laden in Berlin
Foto: flickr/La Laetti (CC BY-NC 2.0)

Vom Kleinunternehmen aus Brandenburg zum internationalen Firmennetz: Bei Neonazis beliebte Modemarke expandiert fleißig. Florian Osuch, junge Welt, 10.6.2015
Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt expandiert die bei Neonazis beliebte Modemarke »Thor Steinar«. Erwirtschaftet werden sechsstellige Erträge. In einem Dutzend deutscher Städte gibt es eigene Läden, wobei die Filiale in Hannover im Juli schließen muss. Der Trend geht allerdings nach Osteuropa und Russland. Allein in der Millionenmetropole Moskau gibt es 13 eigene Thor-Steinar-Geschäfte. Und selbst im fernöstlichen Kamtschatka hat die brandenburgische Firma einen Shop eröffnet. Weitere Läden gibt es unter anderem in Bratislava, Helsinki, Kiew, London, Prag, Rom und Sankt Petersburg – insgesamt 35. Geschäfte in Österreich, Polen und Spanien wurden inzwischen aufgegeben.

Thor Steinar verkauft Hosen, Shirts, Sportkleidung, Badesachen, Schuhe und Accessoires für Männer und Frauen. Die Firma zähle »zu den wichtigsten identifikationsstiftenden Marken der neonazistischen Szene«, heißt es in einer Broschüre von Antifaschisten, die aus Protest gegen eine Niederlassung in Berlin-Weißensee erstellt wurde. Auch der Verfassungsschutz und zivilgesellschaftliche Organisationen sehen in Thor-Steinar-Klamotten ein Erkennungsmerkmal der rechten Szene.

Die Kleidung ist bei Neonazis beliebt, weil die Motive nicht eindeutig als solche der rechten Szene auszumachen sind, aber mit Wikingerästhetik und germanischen Schriftzeichen durchaus deren Geschmack treffen. In neueren Katalogen verzichtet die Firma weitgehend auf Motive, die an rechtes Gedankengut erinnern. Nur einige wenige mit Runen verzierter Jacken oder Textilien mit der Aufschrift »Division Thor Steinar« könnten Assoziationen mit faschistischer Symbolik wecken.

Arabischer Investor

Nach Recherchen des Antifainfoblatts ließ Axel Kopelke aus Königs Wusterhausen bei Berlin im Oktober 2002 die Marke »Thor Steinar« und ein dazugehöriges Runenlogo international registrieren. Im April 2003 wurde die MediaTex GmbH aus der Taufe gehoben. Geschäftsführer wurden Axel Kopelke und Uwe Meusel. Antifagruppen brachten Kopelke mit der rechten Szene in Verbindung. Über eine zweite Firma, die von Uwe Meusel geführte ProTex GmbH, wurden Ladengeschäfte angemietet. Ein Thor-Steinar-Outlet-Geschäft betreibt die Firma SkyTec GmbH. Alle drei Gesellschaften geben ihren Firmensitz mit der gleichen Adresse in einem Gewerbegebiet in Mittenwalde bei Königs Wusterhausen an.

Im Jahr 2009 übernahm für anderthalb Jahre die arabische Investorengruppe International Brands General Trading mit Sitz in Dubai die MediaTex. Es folgten Boykottaufrufe von Neonazis, auch weil die Kleidung als überteuert galt. Mitte Januar 2010 wechselte die Firma wieder in einheimischen Besitz. Seit dem führt Marco Waespe die Geschäfte der MediaTex. Einen ästhetischen Umschwung brachten die Eigentümerwechsel nicht.

Millionen Euro Umsatz

Die Geschäfte laufen blendend. Aus der Zwei-Mann-Firma war schnell ein äußerst profitables Unternehmen erwachsen, dass in den letzten Jahren zumeist einen sechsstelligen Überschuss abgeworfen hat (siehe Statistik). Den Durchbruch erlebte die MediaTex zwischen 2007 und 2009. Damals stieg die Bilanzsumme von 1,3 Millionen Euro (2003) auf den bisherigen Höchstwert von 7,2 Millionen Euro (2008). Nach einem Rückgang überschritt die MediaTex laut dem kürzlich im Bundesanzeiger veröffentlichten Geschäftsbericht für das Jahr 2013 wieder die Marke von fünf Millionen Euro.

Allein die MediaTex erwirtschaftete in den Geschäftsjahren 2005 bis 2013 insgesamt einen Gewinn in Höhe von 3,1 Millionen Euro. Der deutliche Gewinnrückgang 2011 und 2012 ist unter anderem mit hohen Rückstellungen zu erklären, die das Unternehmen bildete.

Viele Jahre wurde juristisch gestritten, ob ein erstes Thor-Steinar-Logo wegen Ähnlichkeiten zu Nazisymbolen verboten werden könne. Im November 2004 waren sogar Textilien am damaligen Firmensitz beschlagnahmt worden. Das Logo verschwand aus dem Sortiment. Mehrere Grundsatzentscheidungen, unter anderem des Kammergerichts Berlin (2006) und des Oberlandesgerichts Dresden (2008), erkannten jedoch keine Strafbarkeit des Runenlogos und das Motiv tauchte wieder auf Jacken, Hosen und Gürteln auf.