„,Antifa heißt Luftangriff!‘ Regression einer revolutionären Bewegung“

Streitschrift zur Antifa, Antifa heißt Luftangriff! - Regression einer revolutionären BewegungEine Streitschrift zur Antifa. Florian Osuch, Antifaschistische Nachrichten, Nr. 5/2015
Im Buch „,Antifa heißt Luftangriff!‘ Regression einer revolutionären Bewegung“ gehen Autoren hart ins Gericht mit der antifaschistischen Bewegung. Eine „radikal linke Bewegung [tendiert] zum Rückzug in die machtgestützte Innerlichkeit des Bürgertums“, so Herausgeberin Susann Witt-Stahl. Wie es dazu kommen konnte und wie es dem Neoliberalismus gelungen sei „den revolutionären Antifaschismus zu neutralisieren“ soll in acht Beiträgen geklärt werden. Der Band ist eine Streitschrift, „mit denen die Autoren politisch Standpunkte beziehen“. Anliegen der Herausgeber Susann Witt-Stahl und Michael Sommer ist eine „grundlegende Kritik an der hegemonialen Theorie und Praxis des Antifaschismus in Deutschland zu formulieren und eine überfällige Debatte anzustoßen“.
Zunächst irritiert der „Luftangriff“-Titel. Er bezieht sich auf eine Parole der sogenannten antideutschen Strömung innerhalb der deutschen Linken. Es ist zwar schon eine Weile her, doch antifaschistische Gruppen bezogen sich positiv auf alliierte Bombardements auf deutsche Städte während des Zweiten Weltkriegs, zumeist im Zusammenhang auf Neonazimobilisierungen wie etwa in Dresden, oder auch auf Kriegseinsätze der israelischen Armee gegen die palästinensische Bevölkerung in Gaza. Während der zweiten Intifada zu Beginn der 2000er Jahre wurde auf Antifa-Demos gerufen: „Straßenkampf in Ramallah, die Panzer sind die Antifa“. Teilweise schlug dies um in rassistische Äußerungen, Islamophobie und die Unterstützung für Kriege in Afghanistan oder den Irak.
Die antideutschen Irrwege der Bewegung können als weitgehend abgehakt bezeichnet werden. Viele Gruppierungen und Zirkel dieser Strömung haben sich aufgelöst und Zeitschriften wie Bahamas oder Jungle World ihre stiftende Wirkung längst verloren. Susann Witt-Stahl fehlt jedoch eine (selbst-)kritische Auseinandersetzung mit diesem Abschnitt der Antifa und eine Reflexion „mit dem sich beschleunigenden Neoliberalismusprozess des organisierten Antifaschismus und seiner zunehmenden Staatshörigkeit“. So habe der Kongress „Antifa in der Krise“ im letzten Sommer eine „kritisch-analytische Aufarbeitung von Fehlentwicklungen“ ausgeklammert und sich nicht „in Opposition zur deutschen und NATO-Außenpolitik“ gestellt. Kein einziger Programmpunkt des Kongresses sei dem „vom Westen unterstützten Vormarsch der militanten Ultranationalisten und Faschisten in der Ukraine gewidmet“ gewesen. Ebenso wurde beim Kongress ein anderes strittiges Thema ausgeklammert: Die Überführung eines Teils der Bewegung in die sogenannte Staatsantifa – in Stiftungen, Beratungseinrichtungen, NGOs etc. –, für die qualifiziertes Personal benötigt wurde. Auf dieses Phänomen geht Wolf Wetzel ein. Er weist darauf hin, dass ausgerechnet im Jahr 2000, als der damalige Kanzler Gerhard Schröder (SPD) den „Aufstand der Anständigen“ ausrief und millionenschwere Programme der Anti-Rechts-Arbeit aufgelegt wurden, das NSU-Netzwerk ihre Mordserie begann. Wetzel kritisiert auch die Gleichsetzung von radikalem Islamismus mit Faschismus. Antifagruppen hätten so neue Bündnispartner bei den westlichen Alliierten gefunden und sich so quasi in eine auferstandenen Anti-Hitler-Koalition und in die Zeit vor 1933 katapultiert. Wenn der Faschismus die Welt bedrohe, müssten ihn „Antifaschisten und Kommunisten zusammen mit den westlichen imperialistischen Mächten jetzt (noch einmal) besiegen“, so die Annahme einiger Antifagruppen.
Lesenswert ist das Gespräch zwischen Herausgeberin Witt-Stahl und dem 1949 in Tel Aviv geborenen Soziologen und Historiker Moshe Zuckermann. Dem Anspruch eine Streitschrift zu sein, wird das Buch allemal gerecht. Aktive der Bewegung werden Meinungen, Argumente und Positionen lesen, die sie nicht unbedingt hören möchten. Vielleicht wird die Antifa-Bewegung von den Autoren doch auf Fragen gestoßen, die gestellt werden

Susann Witt-Stahl / Michael Sommer (Hrsg.): „Antifa heißt Luftangriffe“ Regression eine revolutionären Bewegung, 214 Seiten, 21 Euro, Hamburg 2014.