Antifa in Spanien

KZ Sachsenhausen
Faschisten am 12.10.2013 in Barcelona
Foto: flickr/Victor Serri (CC BY-NC-ND 2.0)

Zwischen Aufarbeitung des Franco-Faschismus und Neonazigewalt, Florian Osuch in der Zeitschrift Antifaschistisches Infoblatt (AIB) Nummer 101: Winter 2013/14
Jeden Herbst mobilisieren die antifaschistischen Bewegungen in Spanien gegen Versammlungen von Neonazis und Altfaschisten. Sowohl zum 12. Oktober, in Erinnerung an die Landung von Christoph Columbus in Lateinamerika, als auch am 20. November, dem Todestag Francisco Francos und Primo de Riveras, sammeln sich Rechte verschiedenster Couleur.

In Barcelona veranstaltete in diesem Jahr das Bündnis Plataforma Antifeixista zusammen mit Migran­t_innenverbänden eine Kundgebung. Schwerpunkt war allerdings ein internationaler Antifa-Kongress am Vorabend des 12. Oktober 2013. Neben Vertreter_innen antifaschistischer Gruppen aus Spanien waren Gäste aus Italien und Russland sowie Aktive aus Deutschland von der Antifaschistischen Linken Berlin und dem Antifaschistischen Infoblatt anwesend. Die Teilnehmenden debattierten über antifaschistische Strategien, Erinnerungspolitik, Bündnisarbeit und antifaschistische Selbsthilfe.

In Spanien existiert keine Antifa-Bewegung, wie sie aus Deutschland bekannt ist. Es gibt jedoch landesweit Antifagruppen und auch regionale Zusammenschlüsse. Die sozialen Bewegungen, Parteien, und Gewerkschaften beteiligen sich temporär an antifaschistischen Kampagnen, gemeinsame Massenmobilisierungen sind selten. Starke Bewegungen gibt es insbesondere in Madrid sowie in der Region Valencia, beides auch Hochburgen der Neonazis.

Antifa-Offensive in Madrid …

In Madrid marschieren Neonazis regelmäßig rund um den 20. November auf und erinnern an den Tod des Diktator Francos. Es gibt konspirativ organisierte Konzerte und Attacken auf linke Läden. Trotzdem konnte die Rechte in Madrid zurückgedrängt werden. Die antifaschistische Offensive begann nach dem Mord an dem jungen Aktivisten Carlos Palomino am 11. November 2007. Der 16-Jährige gehörte zu einer Gruppe Antifaschist_innen, die auf dem Weg zu einer Demonstration in der U-Bahn auf einen Neonazi traf. Nach einem Wortgefecht zog Josue Estebanez ein Messer und erstach Palomino. [1]

Der Mord war der Höhepunkt sich häufender Angriffe von Neonazis zu Beginn und Mitte der 2000er Jahre in Madrid. Die sonst zerstrittenen linken Bewegungen der Stadt waren nach dem Mord allesamt schockiert. Man reagierte offensiv und die Antifa-Bewegung erstarkte. Sie behauptete sich auch gegen verunglimpfende Berichterstattung, wonach der junge Antifaschist einer unpolitischen Auseinandersetzung zum Opfer gefallen sei. Seit dem versammeln sich jährlich am Todestag Carlos Palominos tausende Antifaschist_innen zu Gedenkveranstaltungen.

… und Abwehrkämpfe in Valencia

Während in Madrid die Neonazis zumindest zeitweise zurückgedrängt werden konnten, leisten linke Gruppen im Großraum Valencia vor allem Abwehrkämpfe. Die Region ist Hochburg der rechten Volkspartei Partido Popular (PP). Auch Neonazis und die rechte Formation »España 2000« sind dort stark. Schon deutsche Altnazis zog es nach dem Zweiten Weltkrieg an die Mittelmeerküste. [2]

Immer wieder kommt es zu Angriffen auf soziale Zentren, alternative Kneipen, Büros linker Parteien und Lokale der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung. Teile der Neonaziszene sind eng mit dem privaten Sicherheitsgewerbe verknüpft und haben Verbindungen ins Geschäft mit Prostitution. [3]

Aufarbeitung der Franco-Diktatur

Seit einigen Jahren steigt das Interesse an der Aufklärung der Verbrechen aus der Franco-Ära (1936–1977) [4]. Fast 30 Jahre galt die Geschichte als abgeschlossen. Da es keinerlei politische oder juristische Aufarbeitung des Spanienkrieges und der Franco-Diktatur gab, war beides ein Tabu. 2006 wurde mit dem »Ley de la memoria historica« ein Gesetz zur Geschichtsaufarbeitung verabschiedet. In diesem wurden politische und juristische Fragen zum spanischen Bürgerkrieg und zur Franco-Diktatur geregelt. So sollten etwa faschistische Denkmäler demontiert und Menschen, die weiterhin nach vermissten Angehörigen suchen, unterstützt werden. Juan Luis Porcar Orihuela, Historiker aus Castelló, äußerte sich 2008 zu dem Gesetz: »Es ist ein Schritt nach vorn, aber da es sich um einen politischen Kompromiss handelt, kann das Gesetz nicht alle Wünsche erfüllen. Manche sind gegen das Gesetz. Andere denken (…), dass es so wenigstens zu einer öffentlichen Anerkennung der Opfer des Franquismus kommt.«

Insbesondere die Exhumierungen sorgen für Debatten. Landesweit suchen Menschen nach ihren Vorfahren und Familienmitgliedern. Es sind meist Verschwundene, die während der Franco-Diktatur ermordet und zumeist auf dem Land verscharrt wurden. Die Bergung ist kostspielig und bei Konservativen unbeliebt, auch weil mit ihr immer die Frage nach den Tätern gestellt werden kann.

Zum 12. Oktober und 20. November

Der 12. Oktober ist der spanische Nationalfeiertag, jahrzehntelang als »Dia de la Raza« (Tag der Rasse) zelebriert. Er erinnert an spanische Kolonialisten um Christopher Colum­bus, die im Jahr 1492 in Lateinamerika landeten und einen Raubzug gegen die dortigen Be­woh­ne­r_in­nen führten.

In Barcelona versammelten sich dieses Jahr rund 300 Neonazis, die Mehrzahl war mit Bussen aus Madrid gekommen. Veranstalter war das Bündnis »España en Marcha«, bestehend aus den Gruppierungen »Democracia Nacional«, Democracia Nacional Joven«, »Falange«, »Alian­za Nacional« und der katholischen Bewegung »Movimiento Católico Español«. »España en Marcha« wur­de erst im Juli gegründet und ist für den Überfall auf eine Pressekonferenz der Katalanischen Regierung im katalanischen Kulturinstitut in Madrid am 11. September 2013 mit mehreren Verletzten verantwortlich.

Zeitgleich zu den Neonazis versammelten sich auf dem zentralen Plaza Catalunya zehntausende Anhänger der regierenden postfranquistischen Volkspartei Partido Popular (PP) zu einem ultranationalistischen Volksfest. Es wurde die untrennbare Einheit von Spanien be­schworen, als Abgrenzung zu linken Autonomiebestrebungen in Katalonien und dem Baskenland.

Ende November marschierten einige hundert Anhänger von »España en Marcha« durch Madrid. Zum Todestag von Franco am 20. November pilgern Jahr für Jahr Rechte zum Valle de los Caídos (»Tal der Gefallenen«), einer monumentalen Anlage rund 60 Kilometer vor Madrid. Das Mausoleum gehört zu den größten der Welt. Es ist die Grab­stätte des Gründers der faschis­tischen spanischen Bewegung José Antonio Primo de Rivera sowie des Diktators Francisco Franco. Auch 30.000 Tote des spanischen Bürgerkrieges, mehrheitlich Anhänger von Franco sind dort begraben. Eine riesige Höhle wurde ab 1940 von Zwangsarbeiter_innen errichtet. 19 Jahre zogen sich die Arbeiten hin, zahlreiche Häftlinge starben bei den Arbeitseinsätzen.

Berichte über Neonazigewalt in Spanien. Die »Bewegung gegen Intoleranz« dokumentiert Neonazismus und Rassismus in Spanien und unterstützt Opfer von Neonazigewalt. Die 1991 gegründete und von der EU geförderte NGO gibt dazu Hefte mit umfangreichen Chroniken heraus.

www.movimientocontralaintolerancia.com

1. Ausführlich zum Mord an Carlos Palomino in AIB Nr. 78; Artikel zum Urteil gegen den Mörder in AIB Nr. 85
2. Vgl. dazu von Florian Osuch: »Paradies für Kriegsverbrecher« (junge Welt, 17.3.2010)
3. Ausführlicher in: Joan Cantarero »Amos de la prostitucion en España« (Herren der Prostitution in Spanien)
4. Mehr zum Thema u.a. von Georg Pichler »Umkämpfte Erinnerung« (junge Welt, 3.8.2011)