Veranstaltungsreihe: Neue Erinnerungskultur

KZ Buchenwald
KZ Buchenwald, flickr/martingreffe (CC BY 2.0)

Antifaschisten beraten in Göttingen über Gedenken ohne Zeitzeugen. Florian Osuch, junge Welt, 27.3.2013
Die antifaschistischen Bewegungen in Europa stehen vor der Frage, wie fast 70 Jahre nach dem Niederringen des deutschen Faschismus das Gedenken an die Opfer und das Erinnern an den Widerstand ohne Zeitzeugen wachgehalten werden kann. Bereits in wenigen Jahren werden all diejenigen verstorben sein, die gegen den Faschismus gekämpft haben, seien es Partisanen, Gefangene hinter KZ-Mauern, Angehörige der Armeen der, die sich gegen das faschistische Deutschland verbündet hatten, oder stille Saboteure im Alltag.

In Göttingen stellt sich die Antifaschistische Linke International (ALI) dieser Problematik. Während die Gruppe in den zurückliegenden Jahren Biographien, internationale Perspektiven und regionalhistorische Forschungen in den Mittelpunkt gestellt hatte, will sie 2013 insbesondere Fragen der Erinnerungskultur diskutieren. Für die ALI steht der historische antifaschistische Widerstand im Zentrum ihrer Arbeit. »Es ist unser tiefstes Interesse, von den Erfahrungen jener Menschen zu lernen, die sich in dunkelster Ausweglosigkeit und höchster Gefahr gegen die ›deutsche Volksgemeinschaft‹, gegen industriellen Massenmord sowie Raub- und Vernichtungskrieg entschieden haben«, heißt es in einer Erklärung der Initiative.

In der Bundesrepublik ist der Umgang mit dem Faschismus und dessen Folgen immer noch von Relativierung und Verharmlosung durch Vergleiche mit der »zweiten deutschen Diktatur« geprägt. Nach dem Zusammenbruch der DDR wurde deren Gedenkkultur, die etwa die Selbstbefreiung der Häftlinge des KZ Buchenwald am 11. April 1945 sowie die Förderung der Faschisten durch Industrielle und Banker in den Vordergrund gestellt hatte, weitgehend aus dem öffentlichen Leben getilgt: Mahnmale umgestaltet, Ausstellungen geschlossen und Straßen umbenannt. Die Gruppe ALI kritisiert, daß in der BRD weiterhin vor allem eigene vermeintliche Opfer betrauert und »Zusammenhänge von Ursache und Wirkung ausgeblendet« werden.

Die Göttinger Antifaschisten wollen mit einer Veranstaltungsreihe die Diskussion um eine Zukunft der Erinnerungskultur anstoßen und erste praktische Beiträge liefern. Mitte März luden sie dazu den ehemaligen Widerstandskämpfer Lorenz Knorr ein. Der 91jährige war Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der CSSR und beteiligte sich während der deutschen Besatzung aktiv am antifaschistischen Widerstand. Heute lebt er in Frankfurt am Main und hält seit 15 Jahren Vorträge an Schulen.

Am 12. April findet die Vorstellung eines kürzlich als Hör-CD erschienenen Zeitzeugengespräches statt. Im Jahr 1994 führte der Autor und Künstler Bernd Langer ein ausführliches Interview mit Paul Grünewald. Nachdenklich und selbstkritisch berichtet darin der mittlerweile verstorbene Frankfurter von seinen Erfahrungen aus dem Lagerwiderstand im KZ Buchenwald. Das Tondokument wurde zunächst für viele Jahre zur Seite gelegt und von Bernd Langer erst vor kurzem technisch aufbereitet und als CD veröffentlicht (siehe jW vom 1.2.2013). Am 14. April gibt es eine Fahrt zur Gedenkstätte Buchenwald. Dort besteht die Möglichkeit, gemeinsam mit ehemaligen Häftlingen und ihren Angehörigen an einer Gedenkveranstaltung teilzunehmen. Von Göttingen aus kann gemeinsam per Bus angereist werden.

Zum Abschluß der Veranstaltungsreihe machen die Göttinger auf ein europäisches Begegnungstreffen aufmerksam. Das italienische Geschichtsinstitut Istoreco lädt zum zweiten Mal zusammen mit dem italienischen Partisanenverband A.N.P.I. zur »European Resistance Assembly« nach Correggio in der Provinz Reggio Emilia ein. Dazu kommen vom 26. bis 28. April ehemalige Kämpfer gegen den Faschismus aus verschiedenen europäischen Ländern mit jüngeren Generationen zusammen, um von ihren Erfahrungen zu berichten und Fragen der Gegenwart zu diskutieren.

  • Freitag, 12. April 2013: Veranstaltung in Göttingen: »Haben wir alles richtig gemacht?«, Vorstellung der Hör-CD zu Paul Grünewald und Diskussion zur Erinnerungskultur, 19 Uhr, Rotes Zentrum, Lange Geismarstraße 2/3, Infos: www.ali.antifa.de
  • Sonntag, 14. April 2013: Fahrt zur KZ-Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar; Führung durch das Lager mit Dr. Ulrich Schneider (FIR, VVN-BdA) und Teilnahme an einer Gedenkveranstaltung, Buskarten für 15 Euro im Buchladen Rote Straße, Nikolaikirchhof 7, Göttingen
  • 26. bis 28. April 2013: European Resistance Assembly (ERA) – Begegnungstreffen mit europäischen Widerstandskämpfern in Correggio, Norditalien. Informationen unter: www.resistance-assembly.org