65 Jahre Befreiung des Konzentrationslagers Sachsenhausen bei Berlin

KZ Sachsenhausen
Bundesarchiv, Bild 183-78612-0003, CC-BY-SA

Bis zu 200.000 Personen sperrten die Nazis zwischen 1936 und 1945 ins KZ Sachsenhausen bei Oranienburg ein. Vor 65 Jahren wurde das KZ Sachsenhausen befreit. In einer Geheimaktion mussten über 140 Häftlinge Geld und falsche Ausweise für die Nazis drucken. Durch glückliche Umstände überlebten fast alle Männer des »Fälscherkommandos«.
Florian Osuch in der Zeitschrift der LINKEN Friedrichshain-Kreuzberg vom Mai/Juni 2010.

Die Situation muss gespenstisch gewirkt haben: Am 22. April 1945 gegen 11 Uhr mittags erreichte eine Vorausabteilung der sowjetischen Armee das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg nördlich von Berlin. Sie befreiten dort rund 4.400 mehrheitlich kranke Häftlinge, darunter etwa 1.400 Frauen und Kinder. Noch wenige Wochen zuvor drängten sich bis zu 20.000 Personen in den Holzhäusern des KZ-Geländes, teilweise bis zu 200 Menschen pro Baracke.

Der Historiker und Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, Wolfgang Benz, bezifferte die Gesamtzahl der Todesopfer im KZ Sachsenhausen auf 35.000 bis 40.000 Personen, darunter allein mehr als 10.000 sowjetische Kriegsgefangene, die im Herbst 1941 erschossen wurden. Neben der Ausschaltung jedes wirklichen oder vermuteten Gegners der Nazi-Herrschaft erfüllte das KZ einen ökonomischen Zweck: die Sammlung und Verwendung eigener Arbeitssklaven, die Zwangsarbeit leisten mussten.

Zu einem dieser Arbeitskommandos im KZ Sachsenhausen wurden zwischen 1942 und 1945 bis zu 142 Männer des grafischen Gewerbes zusammengezogen. Die Spezialisten, darunter Drucker, Schriftsetzer, Grafiker, Kunstmaler sowie Papieringenieure und Bankbeamte, wurden von der SS-Führung zum Fälschen von Geld und anderen Dokumenten für die Nazis, darunter Ausweispapieren, gezwungen. Die SS stattete ihre Agenten mit falschen Pässen und Devisen, insbesondere Pfundnoten, aus. Insgesamt druckten die Männer neun Millionen Scheine im Gesamtwert von rund 130 Millionen Pfund. Das entsprach fast den gesamten Goldvorräten der englischen Staatsbank. Die Scheine wirkten so echt, dass nicht einmal Bankbeamte in London die »Blüten« von echten Pfundnoten unterscheiden konnten.

Am Vortag der Befreiung hatte die SS bis zu 45 000 Personen aus dem KZ Sachsenhausen und diversen Nebenlagern zu einem »Todesmarsch« getrieben. Die Männer und Frauen sollten quer durch Brandenburg und Mecklenburg zur Ostsee laufen, dort auf Schiffe gebracht und auf dem Meer versenkt werden. Doch so weit kam es glücklicherweise nicht: Rund um den 1. Mai 1945 wurden auch die Häftlinge des Todesmarsches kurz vor Schwerin von der Roten Armee befreit.

Als im Winter 1945 die Rote Armee auf Berlin vorrückte, wurde die hochmoderne Fälscherwerkstatt von Sachsenhausen ins KZ Mauthausen in Österreich verlegt. Wie durch ein Wunder, zumindest durch glückliche Umstände, überlebten 135 der 142 »Fälscher«, deren Ermordung als Geheimnisträger vorprogrammiert war.

Vom Autor erschien vor kurzem das Buch: Blüten aus dem KZ. Die Falschgeldaktion »Operation Bernhard« im KZ Sachsenhausen, VSA-Verlag, Hamburg, 2009