»Wer zu den Neonazis geht, endet als Mörder«

Adolf BurgerGespräch mit Adolf Burger. Er ist einer der letzten Überlebenden der Falschgeldwerkstatt im KZ Sachsenhausen. Auf Befehl der SS mußten dort 144 Juden Dokumente, Pässe sowie Banknoten im Wert von mehreren Milliarden Pfund drucken. Heute lebt Burger in Prag und hält regelmäßig Vorträge vor Schülern.
Florian Osuch junge Welt 27.12.2007

Sie halten als Zeitzeuge und Überlebender des Faschismus viele Vorträge vor Schulklassen. Zuletzt vergangene Woche in Berlin. Dabei waren erneut auch Schüler, die mit der rechten Szene sympathisieren. Wie verhalten Sie sich?

Meistens merke ich schnell, wenn unter den Zuhörern Schüler mit einer rechten Gesinnung sitzen. Das stört mich wenig, weil sie meistens schnell ruhig sind und bleich im Gesicht werden. Für diese Jugendlichen – wie für die meisten anderen übrigens auch – ist es oft das erste Mal, daß sie einen Überlebenden von Auschwitz, Birkenau und Sachsenhausen vor sich haben. Ich bringe ja auch Bilder und Dokumente mit und zeige ihnen meine tätowierte Häftlingsnummer, so daß niemand sagen kann, die KZ habe es nicht gegeben.

Gibt es etwas, was Sie den Jugendlichen mit einer rechten Gesinnung besonders ans Herz legen?

Nein. Ich möchte alle Schüler gleich behandeln und erzähle jedem, wie meine gesamte Familie – darunter auch meine damals 22jährige Frau Gisela – vergast wurde. Es gibt ja nicht mehr viele Überlebende, die zu den Vorträgen fähig sind. Eine Sache sage ich jedoch mit Hinblick auf die Rechten – das sage ich jedoch auch zu allen: Wer zu den Neonazis geht, endet als Mörder und Verbrecher wie einst die SS.

Sie begannen erst in den 1970er Jahren mit der Aufarbeitung der Geschichte der Fälscherwerkstatt im KZ Sachsenhausen.

Nach der Befreiung aus dem KZ Ebensee lebte ich in Prag und hatte bereits im Herbst 1945 ein Buch veröffentlicht. Das Werk trug den Titel »Häftling 64401 spricht« und enthielt auch zahlreiche Fotos, die ich mit einer Kamera im KZ Ebensee aufgenommen hatte. Damit schien für mich das Thema beendet, da ich erneut als Buchdrucker arbeitete und ich nicht von Alpträumen gequält wurde.

Erst als mir ein Freund 1973 eine neonazistische Flugschrift zukommen ließ, wurde ich erneut aktiv. Darin leugnete ein »Kampfbund Deutscher Soldaten« die Gaskammern. Ich war fassungslos, begann zu recherchieren und mit dem Zusammentragen von Dokumenten. Daraus entstanden eine Ausstellung, mein Buch »Des Teufels Werkstatt« sowie ein Dokumentarfilm in Dresden.

Ihre Geschichte wurde im vergangenen Jahr unter dem Titel »Die Fälscher« verfilmt und bei der Berlinale gezeigt. Zeigt der Film, wie es wirklich war?

Grundlage für den Film ist mein Buch, aber es ist alles anders. Man darf nicht vergessen, daß es ein Spielfilm ist. Ich hielt vor vier Jahren einen Vortrag vor Unteroffizieren der Bundeswehr in Hamburg, als ich von einem kleinen Filmteam angesprochen wurde. Ohne Vertrag und Honorar stimmte ich zu. Meine einzige Bedingung war, daß ich das Drehbuch abzeichnen wollte. Es kam aber nur zu kleinen Änderungen, trotzdem sind viele Szenen anders. Kürzlich habe ich übrigens erfahren, daß der Film für einen Oscar nominiert wurde.

Sie kommen ursprünglich aus der Slowakei, wo Sie 1942 als politischer Aktivist festgenommen und nach Auschwitz verschleppt wurden. 1938 bildete Josef Tiso eine autonome slowakische Regierung und gründete wenig später die Slowakei als faschistischen Marionettenstaat. Die Kommunistische Partei wurde aufgelöst und in die Illegalität gedrängt.

Ich war seit 1939 Angehöriger einer fünfköpfigen kommunistischen Zelle und arbeitete als Drucker in Bratislava. Dort fälschte ich Taufscheine und andere Dokumente, die vielen Juden das Leben retten konnten.

Nach Ende des Faschismus lebte ich zunächst in Prag und fuhr auch in meine Heimat zurück. Doch ich blieb nicht lange, als ich erfuhr, daß meine gesamte Familie von den Nazis vernichtet wurde. Ich hegte große Rachegefühle gegen die Hlinka-Garde, einer slowakischen Kopie der deutschen SS. Ich wollte sie umbringen, doch mein Leben erschien mir zu kostbar, als es im Gefängnis zu verbringen. In Prag traf ich mich einmal im Jahr mit den anderen tschechischen Mithäftlingen, bis alle nacheinander gestorben sind. Auch von meinen österreichischen Kameraden lebt heute keiner mehr.